Unternehmensnachfolge ist mehr als Zahlen und Verträge
In den Werkshallen von Vogt Spezialdruck in Hessisch Lichtenau riecht es nach Papier und Druckerschwärze, und an diesem Abend auch nach vielen offenen Gesprächen. 58 Gäste sind gekommen, um über etwas zu reden, das selten offen ausgesprochen wird: wie schwer es ist, ein Unternehmen loszulassen oder zu übernehmen, ganz unabhängig davon, was im Vertrag steht.


Passender hätte der Ort kaum sein können. Ende 2024 hat mit Sebastian Härtig erstmals nach vier Generationen innerhalb der Familie ein externer Nachfolger die Verantwortung für das fast 130 Jahre alte Unternehmen übernommen. Wer an diesem Abend durch die Hallen ging, ging mitten durch eine Nachfolge, die gerade selbst noch läuft.
Begrüßt wurden die Gäste von Paul Winter (Gründerwettbewerb Nordhessen), Sebastian Härtig und Peter Döring (Wirtschaftsförderungsgesellschaft Werra-Meißner-Kreis). Den inhaltlichen Auftakt machten zwei, die genau das schon hinter sich haben: Stefan Kratzer, Geschäftsführer der DinoParts und Service GmbH, stieg 2014 von außen in seinen heutigen Betrieb ein. Markus Sippel, Inhaber von Reinhardt - Meine Fleischmanufaktur, übernahm den Familienbetrieb von innen und musste ihn trotzdem neu erfinden.
Dann wurde es persönlich. In drei Kleingruppen, moderiert von Diana Plettenberg, Sarah Hohmann-Spohr und Marcel Sollorz, teilten sich die Gäste in drei fiktive, aber sehr lebensnahe Unternehmensübergabe-Szenarien auf.

Szenario A: Georg, der von außen kommt
Georg übernimmt einen Sanitär- und Heizungsbetrieb, komplett fremd in der Region. Die Gruppe war sich überraschend einig: Es gibt hier keine Zauberformel, nur zuhören, hinschauen, ankommen. Wer als Neuling in ein Unternehmen und eine Region kommt, gewinnt Vertrauen nicht durch den Titel Geschäftsführung, sondern durch die ersten Wochen, durch echtes Interesse an den Menschen, die schon da sind. Mentorinnen und Mentoren, das bestehende Team, das lokale Netzwerk, das waren die Anker, die die Gruppe für Georg fand.


Szenario B: Jana und das Mädchen von früher
Jana übernimmt die Bäckerei ihrer Eltern im Heimatdorf. Jeder kennt sie noch als das Kind, das früher hinter der Ladentheke Brötchen einpackte. Die Gruppe stellte die Frage, wann sie aufhört, "das Mädchen von früher" zu sein, und wann die Menschen im Dorf sie stattdessen als Unternehmerin sehen. Die Antworten waren angenehm konkret: eine offizielle Übergabe vom Staffelstab, nicht nur intern, auch sichtbar nach außen. Ein Tag der offenen Tür oder eine kleine Neueröffnungsfeier, bei der sie zum ersten Mal offiziell als Geschäftsführerin auftritt. Vielleicht ein neues Logo, eine neue Ladengestaltung, nicht um alles über Bord zu werfen, sondern um zu zeigen: Ich führe das weiter, aber auf meine Art. Und ganz praktisch: neue Produkte, ein Brötchenlieferdienst zum Beispiel, oder eine Bäckerei, die plötzlich als Sponsorin bei der örtlichen Feuerwehr auftaucht.
Szenario C: Jonas und das Gespräch, das früher hätte stattfinden sollen
Jonas übernimmt den elterlichen Landmaschinenhandel mit Werkstatt, klassische Familiennachfolge, mit allem, was das mit sich bringt: der Vater, der noch täglich im Betrieb ist, die Schwester, die Ansprüche am Unternehmenswert anmeldet, die Mutter, die weiterhin die Buchhaltung macht. Die Gruppe stellte sich eine steile Frage: Welches Gespräch hätte die Familie eigentlich schon vor fünf Jahren führen müssen? Auf den Klebezetteln stand am Ende beinahe ein kleiner Fahrplan für Familienunternehmen: klare Grenzen und Rollen, ein Berater am Tisch für die unbequemen Themen wie Erbregelungen oder die Immobilie, ein Notar, ein schriftlich fixiertes Gespräch, im Zweifel auch eine Verzichtserklärung oder ein Earn-out-Modell. Und, nicht zu unterschätzen, ein Raum, in dem auch die Gefühle Platz haben, nicht nur die Paragrafen.




Was bleibt
Am Ende der Gruppenarbeit ging es nicht mehr nur um Georg, Jana und Jonas, sondern um sehr reale Situationen im Publikum. Kai Georg Bachmann, Geschäftsführer des Regionalmanagements Nordhessen, brachte es in seinem Schlusswort auf den Punkt: Genau solche Abende zeigen, wie viel möglich ist, wenn Unternehmen und Institutionen in der Region zusammenarbeiten. Bei einer Führung durch die Produktionshallen mit Sebastian Härtig und beim Netzwerken klang der Abend dann aus, mit einigen Visitenkarten mehr in der Tasche und, so der Eindruck vieler Gäste, mit ein paar Antworten auf Fragen, die sie sich vorher nicht getraut hatten, laut zu stellen.
Denn eines wurde an diesem Abend deutlicher als in jedem Ratgeber: Keine Übergabe läuft wie die andere. Es gibt keine fertige Anleitung, nur den Mut, hinzuschauen, zuzuhören und die unbequemen Gespräche nicht auf morgen zu verschieben. Zahlen und Verträge regeln eine Nachfolge. Menschen tragen sie.

